
Es ist 3 Uhr morgens als ich von dem grellen Licht im Zelt geweckt werde. Plötzlich ist alles hell erleuchtet. Ich spüre, wie Menschen auf und ab gehen. Das nervt mich, ich will schlafen: „Warum müssen wir das Licht anmachen? “. Ich bin wie benommen. Alle scheinen wach zu sein. Was passiert gerade? Dann höre ich das Zischen einer gedrückten Spraydose. Ein tiefes Einatmen. Die Höhenkrankheit hat zugeschlagen.
Jede/-r Zweite erkrankt während Tibet-Touren an Höhenkrankheit
Eine Statistik besagt, dass immer 50 % einer Gruppe die Höhenkrankheit bekommt. Jetzt hat es tatsächlich zwei von uns erwischt. Meine liebe Mitbewohnerin und unser Ehemann. Sie sind mitten in der Nacht aufgewacht, weil sie keine Luft mehr bekommen haben: „Als würde einem die Kehle zugedrückt“.
Beide sitzen mit blassen Gesichtern auf unserer Schlafwiese. Die nackte Glühbirne lässt ihre Gesichter noch fader erscheinen. Sie haben ihre blaue Sauerstoffflaschen fest umklammert. Immer wieder nehmen sie einen tiefen Zug der kostbaren Luft.
Bloß keine Panik im Himalaya!
Sie tuen mir so unfassbar leid. Doch leider kann ich nicht helfen. Ich habe mit meinem kurz aufkommenden Panikgefühl zu tuen. Was ist, wenn ich jetzt auch keine Luft mehr bekomme und dafür die Höhenkrankheit? Wenn ich Panik bekomme? Was ist, wenn ich ohnmächtig werde? Ich muss die Gedanken schnell wegschieben. Tief ein- und ausatmen. Die Augen schließen. Mich hinlegen. So geht es. Es tut mir leid, aber gerade muss ich schauen, dass ich in dieser Extremsituation nicht die Nerven verliere.

Trotz Höhenkrankheit, keine Hilfe in Sicht
Zum Glück haben wir Lima. Er wurde aus seinem Tiefschlaf gerissen und ist sofort da. Unsere Gastgeberin öffnet den Vorhang des Zeltes und lässt frische Luft rein. Lima redet beruhigend auf die beiden ein. Oder auch nicht. Eigentlich wollen beide unbedingt absteigen und den Notfallwagen in Anspruch nehmen. Der fährt wohl aber erst wieder ab 5 Uhr und bringt einen auch nur bis zum Parkplatz, also 20 Minuten tiefer. Dort würde man dann allein in einem Zelt liegen bis es Tag wird und die Reisegruppen wieder zurückfahren.
Ich merke: Wenn hier wirklich mal ein schlimmer Fall von Höhenkrankheit eintreffen sollte, wird es einfach keine Hilfe geben. Gruselig. Ich bin froh, wenn wir in ein paar Stunden abreisen. Die gute Nachricht: Der Sauerstoffgehalt ist um Mitternacht am geringsten. Jetzt steigt er wieder. Es ist also normal, wenn es einem zur Geisterstunde am schlechtesten geht. Es kann also nur noch bergauf gehen.
Wie am Ende doch noch alles gut wird
Nach ein paar Minuten haben sich die beiden beruhigt. Der Sauerstoff aus der Flasche und von außen hilft. Langsam versuchen wieder alle zu schlafen. Die beiden im Sitzen, denn im Liegen bekommen sie noch viel weniger Luft. Unter dem sporadischen Zischen der Sauerstoffdosen döse ich langsam wieder weg.
Eine Nacht im Mount Everest Basecamp – ohne Mount Everest
Nur drei Stunden später klingelt mein Wecker. Auch wenn es gestern Abend geschneit hat und man dabei zugucken konnte, wie der Himmel und die Berge immer mehr von den Wolken verschluckt wird, habe ich noch einen winzigen Hoffnungsschimmer, dass ich einen Sonnenaufgang sehen werde. Ich krabble aus dem Zelt. Nichts. Es schneit immer noch. Die Wolken hängen tief. Alles ist grau und grau. Ich kann nicht sagen, ob es Tag oder noch Nacht ist. Enttäuscht lege ich mich wieder hin.

Um 8 Uhr erwacht auch das restliche Zelt wieder zum Leben. Allen geht es besser, auch wenn die Nasen noch blass sind und die beiden einfach nur absteigen wollen. Wir frühstücken Pancakes und Sweet Tea – auch der hilft gegen Höhenkrankheit.
Die Nacht hat es durchgeschneit. Das Camp liegt unter einer leichten weißen Sommerdecke. Nach und nach bricht sich die Sonne ihren Weg durch die dicke Wolkendecke. Wir können wieder die Berge um uns herum sehen. Nur der Mount Everst in der Mitte will sich einfach nicht zeigen. Dabei ist er doch nur 8 Kilometer entfernt!
Das höchste Kloster der Welt, die Zweite
Wir gehen zur Rongbuk Monastery. Da Eintritt verlangt wird und wir zu erschöpft sind, gehen wir aber nicht hinein. Ich Jungspunt klettere stattdessen auf eine kleine Anhöhe neben dem Kloster. Von hier kann man schön auf das Camp schauen. Den Mount Everest bringt er mir nicht näher. Später werde ich von allen bestaunt, woher ich diese Energie nehme.
Wir laufen wieder herunter und haben das Glück, ein Yak ganz nah zu sehen.

Rückkehr nach Shigatse und die Jagd nach dem Mount Everest
Um 11 Uhr geben wir unsere Mount Everst-Jagd dann auf und machen uns langsam auf den langen Weg zurück nach Shigatse. Hier machen wir wieder im selben Hotel einen Zwischenstopp, bevor es dann morgen wieder zurück nach Lhasa geht.
Wir sind alle stolz darauf, diese Grenzerfahrung gemacht zu haben. Es war mit Sicherheit ein einmaliges Erlebnis, welches wir nie wieder erleben werden. Gleichzeitig sind wir froh wieder gehen zu können. Bald wieder richtig atmen zu können. Die Höhenkrankheit hinter uns zu lassen.
Auf dem Rückweg entspannen wir uns alle wieder. Die Luft kommt langsam zurück. Die angefangenen Sauerstoffflaschen bleiben trotzdem griffbereit.
Die Himalya-Gebirgskette mit den Big 4
Wir fahren dieselbe Strecke wie gestern wieder zurück. Lima sagt, dass wir noch zwei Chancen haben, den Mount Everest zu sehen. Die erste ist wieder der Himalaya Gebirgsketten-Pass mit den bunten tibetischen Gebetsflaggen. Und tatsächlich sehen wir in der Ferne viel mehr als gestern. Einige schneebedeckte Gipfel blitzen zwischen dem Wolkenmeer hervor. Wir nähern uns dem Pass, machen uns schon zum Aussteigen bereit – und fahren einfach weiter.
Eine von uns macht sich zum Glück für das sofortige Umkehren stark. Es kann doch nicht sein, dass wir diese Chance verpassen. Unter Widerstand kehren wir zurück. Angeblich hätte es noch einen Aussichtspunkt gegeben, auf welchen wir zugesteuert sind. Halten tuen wir da später nicht.
Wir kehren also um und steigen noch einmal an dem Pass aus. Mittlerweile hat sich wieder alles zugezogen. Die Wolken bewegen sich hier so unfassbar schnell. Von den Bergspitzen, die wir sehen, gehört keine dem Mount Everest.
Ein wenig enttäuscht fahren wir weiter. Wieder vorbei an grau, schwarz, braun und rot. An Schutt und Geröll. An Yak- und Schafsherden.
Chaos der Kulturen zum Fuße des Himalayas
Auch die zweite Gelegenheit bleibt glücklos. Am Eingang zum Mount Everest Park soll er noch einmal zu sehen sein. Nichts. Uns bleibt nur ein trauriges Eingangsschild auf Stein. Hier erkennt man gut, wie China in Tibet eingefallen ist. Das original tibetische wurde mit chinesischen Zeichen übermalt. Dann doch noch einmal lateinische Buchstaben. Es bleibt ein Chaos an Kulturen.

Zum Mittagessen gibt es wieder ein großes Allerlei: scharf angebratenen Reis, Tofu, Nudeln mit Hühnchen und Hühnchen in süß-saurer Tomatensoße.
Wie uns Lima heute enttäuscht hat
Wir kommen noch im Tageslicht in Shigatse bei unserem ersten Hotel an. Ohne zu sich verabschieden verschwindet Lima, nachdem er uns dort abgesetzt hat. Vielleicht liegt es an dem wenigen Schlaf, den er heute hatte, vielleicht setzt auch ihm die Höhe zu. Aber ein 1 A Tourguide ist er sicher nicht. Heute hat er gar nichts zu Tibet erzählt, hat uns nicht gefragt, wie es uns nach der Atemnot ging, hat sich nicht an seine Versprechen gehalten. Wir hoffen, dass er morgen wieder bessere Laune hat.
Zum Abendbrot geht es wieder in das chinesisch-muslimische Restaurant. Eine heiße Nudelsuppe soll die Müdigkeit und Schwere aus unseren Körpern vertreiben. Und wen treffen wir vor Ort? Lima. Irgendwie peinlich berührt, sagen wir hallo und tschüss. Heute war es irgendwie komisch zwischen uns.
Wieder im Hotel angekommen, freuen wir uns auf eine heiße Dusche (die es leider nicht gibt) und ein warmes, gemütliches Bett. Die Luft ist wieder da und mit ihr die Gesichtsfarbe und Lebensgeister. Was für ein Abenteuer.
Meine Ausgaben heute: Was kostet Tibet?
- Mittagessen: bunte Platte aus 4 Gerichten für 5,91 € pro Nase
- Abendessen: 1,96 € für chinesisch-muslimische Nudelsuppe
- 1 Liter Wasser: 0,91 €